100 Jahre Potz op

1873-1973

100 Jahre KG Potz op Rheindahlen

Cover Festheft

Rückseite Festheft

„ Potz op“ im Wechsel der Jahrzehnte

Geschichtlicher Rückblick
Zu alten Zeiten feierte man in Deutschland, namentlich in Süddeutschland Narrenfeste und Fastnacht. Im Mittelalter setzte sich das fröhliche Treiben sogar bis in die Kirchen fort, wo eigens närrische Fastnachtspredigten gehalten und allerlei Mummenschanz getrieben wurde. Im österreichischen Tirol gib es dafür heute noch Beispiele vielfältiger Art. Die „Düsseldorfer Allgemeine Carnevalszeitunq „, ein Organ für alle Carnevalsvereine, schreibt am 13. Januar 1895 sehr aufschlußreich über die Geschichte des Karnevals und folgert daraus, daß sich deshalb wohl auch die Freud am närrischen Treiben in ihrem Marsch nach Norden stetig in Bewegung halte, weil man der Narrenzunft‘ keine Grenzen auferlegen kann. In der erst en Hälfte des 19 Jahrhunderts erreichte der Karneval auch am Rhein schon bedeutende Hohepunkte. Köln, Mainz und Koblenz wurden zu Hochburgen des Karnevals; in Koblenz sprach man allerdings von einem besonders „tollen“ Jahr 1845, das sich in karnevalistischer Beziehung seiner Vorgängern würdig anschloß. Es muß erwähnt werden, daß unter dem „ tollen“ Jahr ironisch ein ausgestoßener Notschrei „Carneval, wo bist du“ von enthusiastischen Karnevalsherzen laut ins Volk gerufen wurde. Man sprach vom „Vegetieren“ und „still wie nie“ lastete der Karneval wie ein drückender Alp auf den Gemütern der Bürger. So forderte man den Karneval mit Erfolg heraus. Noch vor 1866 tagten die Narrenparlamente am Rhein und trugen ihren „freigeistigen“ Humor erfolgreich in Volk hinein. Viele närrische Klubs taten sich auf, die sich in vielen Fällen nach der Ruhepause in den Kriegsjahren 1866 und 1870/71 zu größeren Gemeinschaften zusammenschlossen.

Um diese Zeit „nistete“ auch die Potz op “ In einer wohligen Brutstätte im Dahler Land und das Nesthäkchen sollte dann – wer hätte es damals geglaubt – hundert Jahre alt werden. Karnevalisten sind nicht anachronistisch, was mit dem offenen Tor der Freude, das allen Zugang bietet, bewiesen werden  soll. Sie erklärten sich auch frei von Ambitionen, denn diese hätte ihrer Stellung sicher in der damaligen Zeit nur abtrünnig sein können. So hörten sie stets auf die Stimme des Volkes – waren also wahre Demokraten – und formten ihren und des Bürgers Karneval nach örtlichen eigenständigen Gegebenheiten. Das sollte sich bald auszahlen in ein einem Volkskarneval in Rheindahlen,  wie er zwischen Köln und Rheindahlen nicht seinesgleichen hatte. Wenn Gesellschaften und Klubs am Rhein manchmal Ihre Feste neben Unterstützung namhafter Unternehmen mit Hilfe einer Carnevalstotterie finanziell unter Dach brachten, so hielt man in Dahlen die Kosten in überschaubaren Grenzen. Vielleicht war das mit ein Grund für die Beständigkeit – was auch heute noch zur Nachahmung anzuraten ist.

Im Jahr 1899 verkündete ein Plakat in der Größe 70 x 100 – es ist in dieser Broschüre noch einmal wiedergegeben – das 25jährige Jubiläum der „Potz op“ mit einem Riesenprogramm, das man in der heutigen Zeit nicht mehr zu überbieten vermag. Die Schmunzelnde Bemerkung des Chronisten, daß man dem Hundertjährigen wohl 1 Prozent Schwund (= 1 Jahr) zugerechnet hätte, korrigierte das Präsidium sehr treffend, daß die Gründung der Gesellschaft nur vor der Session 1874, also am 11.11.1872 erfolgt sei.Was soll´s also – es stimmt. Es stimmt auch, daß der Verein noch bevor in Rheindahlen eine eigene Zeitung gedruckt wurde, die 2-2mal in der Woche erschien, in der „Potz op“-Druckerei Anton Reuter eine Carnevalistische Zeitung „Der Potz op“ aufgelegt hat. Es war, wie aus dem Abdruck von 1901 in dieser Broschüre zu ersehen, das Leiborgan „Seiner Tollität des Prinzen Heinz I“, Beherrscher aller Narren. Preis 10 Pf. 1956 verstarb Anton Reuter, der lange Jahre mit seinen Freunden Peter Brendgens, Karl Zeutzius, Peter Neusen und Fritz Gülkers das Leben und Treiben in Rheindahlen mit bestaunenswerter Findigkeit beobachtete und „karnevalsreif“ frisierte, im Alter von 81 Jahren. Die Gesellschaft durchlebte ihre große Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Karnevalszüge in Rheindahlen und die vielen Veranstaltungen in den damals sehr zahlreich vorhandenen Lokalitäten brachten großen Zulauf auch aus dem Hinterland, so daß man in der Tat bald von einem Volkskarneval  in Dahle sprach. So manche Lebensweisheit fand man bei der „Potz op“, wie „Wenn eine Frau auch noch so neugierig ist, sie fragt nie, woher der Mann das Geld nimmt, welches sie braucht“, und „Mancher würde seine Frau gleich in den Himmel heben, wenn er wüßte, daß sie nicht mehr herunter käme“: Rektor Krautwurst, seines Zeichens mit ausgeprägter karnevalistisch-musikalischer Ader versehen, schenkte in dieser Zeit der „Potz op“ den heute noch gesungenen Reim.

Potz op, Potz op, hoch das Faschingsleben.  

Potz op, Potz op, hoch die Faschingszeit.

Komm, Liebchen, laß´ uns kosen,

noch blüht der Dein holder Mai;

auch mit dem schönsten Rosen

ist es gar bald vorbei!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Daß es bald vorbei sein würde, lag an den Ereignissen von 1914. Der erste Weltkrieg riß große Lücken in die Gemeinschaft und es war weniger freudiges als ein hoffnungsvolles neues Beginnen nach 1918. Das Wirtschaftsleben war völlig ruiniert, die Finanzendurch die Inflation zerrüttet, die Arbeitslosigkeit, die unheilvollste Erscheinung dieses Jahrhunderts, engten das Vereinsleben sehr stark ein. Auch „Potz op“ lebte zeitweilig von der „Substanz“ und investierte wieder ihre Arbeit nach 1930, als sie mit größeren Veranstaltungen und Umzügen wieder an die Öffentlichkeit trat, Willi Bischoff und A. Springborn zeichneten verantwortlich für die Gestaltung der Festwagen und auch die Rheindahlener Vereine beteiligten sich an den Umzügen. Büttenredner aus den eigenen Reihen traten auf. Die Herrensitzung in den einzelnen Gaststätten wie auch die großen Gala-Damensitzungen im Hotel Pflaum fanden besonderen Anklang.

Das Tor zur Freude tat sich erneut auf, die Gemeinschaft einte sich bald wiederungeachtet der sich bei klarem Blick durch die Poetz abzeichnenden düsteren Gewitterwolken eines mörderischen Krieges. Noch einmal durchlebte die Gesellschaft die harte Prüfung eines zweiten Weltkrieges und stand nach der Zerstörung Rheindahlens am 25.Februar 1945 vor dem völligen nichts. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis nach diesem unerbitterlichen Kriege die Gesellschaft zu neuem Leben erwachte, bis sie das Tor noch einmal öffnete und einen Prinzen präsentierte, der dem Karnevalsleben neue Impulse gegeben hat. Am 11.11.1948 fanden sich die Freunde der „Potz op“ zu einer konstituierenden Sitzung im Hause Thelen zusammen, in der die Vorbereitungen für die erste Sitzung nach dem Kriege am 30.01.1949, die in Ermagelung eines Saales in Haus Hilderath stattfand, getroffen wurden. Der Saal konnte die Besucher nicht fassen, Es präsidierte Ernst Gellissen. Dem Elferrat gehörten an: Emil Gillessen, Willi Tolls, Gerhard Peters, Peter Neusen, Clemens Fongern, Josef Knors, Heinrich Brosch, Franz Thelen, Karl Kaspers, Willi Nießen, Josef Schommen. Der Prinzengarde gehörtenan: Paul Göbels als Kommandant, Heinz Krappen, Herbert Cohnen, Willi Rütten, Erich Gillessen, Willi Giesen, Günther Gorissen, Erich Neusen, Franz Theissen, Karl Bongartz, Heinz Frentzen, Artur Zilges, Franz Josef Zilges, Hilde Adams (Mariechen), Josef, Wyen (Hoppediez).

Aus der älteren Generation bildete sich ein Kreis von Senatoren, die als Ehrenmitglieder der „Potz op“ ihre Unterstützung zukommen ließen und dies zum Teil auch bis heute noch beibehalten.

Seit 1965 präsidiert bei den Sitzungen Paul Graf, der ab Mitte 1950 Mitglied der Gesellschaft ist.

Die Gesellschaft schloß sich im Jahre 1952 dem Festausschuß Mönchengladbacher Karneval an. Sie verzichtete damit auf die Durchführung eigener Karnevalsumzüge, die ohnehin heute in dem seit 51 Jahren polotisch eingemeindeten Stadtteil Rheindahlen an Bedeutung verloren hätten. Dafür beteiligte sie sich jeweils am Veilchendienstagszug und pflegt die Geselligkeit mit anderen städtischen Gesellschaften. „Potz op“ bemüht sich heute, beste Karnevalssitzungen und Veranstaltungen zu bieten, um so dem an sich hochgestellten Niveau eines anspruchsvollen Publikums gerecht zu werden. Vorstand und Präsident wollen das Freudentor weiter öffnen und haben mit dem seit 5 Jahren groß angelegten Kinderkarnevalszug am Fastnachtssonntag einen neuen Akzent in die tollen Tage hineingebracht. Alljährlich findet eine Nikolausfeier statt. Die Bevölkerung anerkennt und fördert dankenswert diese Bestrebungen.

Wünschen wir der Gesellschaft „Potz op“ zu ihrem „Hundertsten“ für alle Zeiten stets ein offenes Tor wahrer Freude für alle Bürgerherzen.

Heinrich Harzen

 

Bericht aus dem Festheft (Broschüre) zum 100jährigen aus dem Jahr 1973